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Predigt zu St. Martin

am 10. November 2019

Predigt zu St. Martin

Wir feiern an diesem Sonntag das Fest des heiligen Martin. Jedes Kind kennt ihn und die Geschichten, die über ihn erzählt werden. Als Soldat teilt er seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Als er zum Bischof gewählt werden soll, versteckt er sich im Gänsestall. Die Gänse schnattern und er wird entdeckt. Zwei berühmte Geschichten. Doch zwischen diesen beiden gibt es noch eine weitere, weniger bekannte. Was da passiert ist, davon hören wir im Martinslied unserer Diözese. Es steht im Gesangbuch Gotteslob unter der Nummer 911. Die Zahl 911 kann man sich gut merken.

Wenn Martin heute leben würde, dann würde er vermutlich nicht mit einem Pferd unterwegs sein, sondern mit ganz vielen Pferden, unter der Heckklappe seines Autos, und auf der Heckklappe würde eine Zahl stehen: 911. Doch das ist eine andere Geschichte. Lied Nr. 911 im Gotteslob. Dritte Strophe. Da steht: Du wählst als Mönch die Einsamkeit und lebst in Buße und Gebet, verkündest Christi Herrlichkeit, die leuchtend dir vor Augen steht. Du wählst als Mönch die Einsamkeit. Martin. Nach der Geschichte mit dem Bettler und dem geteilten Mantel verlässt er die Armee. Eine Karriere als Soldat, als Offizier? Das will er nicht mehr haben. Was aber dann? Eine Karriere in der Kirche? Als Bischof? Auch das will er nicht. Als er zum Bischof gemacht werden soll, versteckt er sich im Gänsestall. So erzählt es die Legende. Martin will etwas anderes. Er hat etwas entdeckt, was ihm wertvoller ist als die Karriere in der Armee oder in der Kirche. Martin zieht sich zurück in die Einsamkeit. Er wird Mönch. Er wird Einsiedler. In der Stille, da begegnet er sich selbst und Gott. Eine kostbare Erfahrung. Ein Schatz. Sein Schatz im Acker, wie im Evangelium. Für diesen Schatz stellt er alles andere zurück. Menschen ziehen sich zurück in die Einsamkeit. Dort, in der Stille, begegnen sie sich selbst und Gott. Eine kostbare Erfahrung. Ein Schatz. Jesus hat das getan. Vierzig Tage war er in der Wüste, ganz allein. Christen tun das. Es beginnt im dritten Jahrhundert in Ägypten. Männer und Frauen ziehen sich zurück in die Wüste. Sie leben als Einzelne und in kleinen Gemeinschaften. So entstehen die ersten Klöster. Martin hat diese Idee vom monastischen Leben gekannt und sie zu uns ins Abendland gebracht. Menschen ziehen sich zurück in die Einsamkeit. In der Stille begegnen sie sich selbst und Gott. Das gibt es auch heute in unserem Land. Die Schwester in einem ehemaligen Bauernhaus im Allgäu. Der Pater in einer kleinen Holzhütte im Westerwald. Der Benediktinerbruder in einem alten Forsthaus auf einem Berg im Hinterland des Bodensees. Sie leben ihr Leben in der Stille in ihrer je eigenen Weise. Eines aber haben sie gemeinsam: Sie haben den Schatz im Acker gefunden. Sich zurückziehen in die Stille. Das können wir auch, wenigstens für ein paar Minuten am Tag. Ob wir den Schatz finden? Ganz sicher.

Pfr. Dr. Bernhard Lackner