Erwarten eine der vier Haltungen, die uns leiten, wenn wir uns einlassen auf den Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“. Was ist uns wichtig in unserem Leben als Christen und in unserer Kirche? Mit welchen Menschen sind wir verbunden? Seelenverwandt? Wie werden Christsein und Kirche in der Zukunft aussehen? Was dürfen wir erwarten? Von uns selbst? Von unserer Kirche? Von Gott? Er will uns begegnen. Er will uns nahe kommen. Dort, wo wir ihn erwarten, und an uns unbekannten Orten, bei uns fremden Menschen, in wenig vertrauten Lebenssituationen.

Pfarrer Dr. Bernhard Lackner

 

Wertschätzen

Etwas zu sich her nehmen und anschauen, zweimal hinschauen, vielleicht ein drittes und ein viertes Mal. Es kann erstaunlich sein, was sich mir erschließt, wenn ich einer Sache Aufmerksamkeit widme. Nicht selten sind es gerade einfache Begegnungen, unscheinbare Dinge, unspektakuläre Ereignisse oder mein alltägliches Tun, die sich dann als kleine Kostbarkeiten erweisen. Hilfreich ist ein offener Blick: unvoreingenommen, freundlich, zugewandt. Ich hoffe darauf, etwas Gutes, einen Wert aufzufinden in dem, was da ist. Und wenn diese Kostbarkeit sich zeigt, brauche ich auch Zeit, mich daran zu freuen, sie wertzuschätzen. So positiv hinzusehen, fällt uns nicht immer leicht. Schnell sind wir am Bewerten. Ein Gebet, das auf lgnatius von Loyola zurückgeht, nimmt sich für das Schauen auf das, was ist, den Blick Gottes zu Hilfe. Es ist das "Gebet der liebenden Aufmerksamkeit". Gott schaut liebevoll, aufmerksam auf uns. Wer wir sind und was mit uns ist, interessiert ihn. Diesen Gott weiß der/die Beter/in an seiner/ihrer Seite, wenn er/sie sich auf die Suche nach Schätzen macht.

Gebet

Mein Gott,
ein reicher Tag liegt hinter mir,
angefüllt mit Erlebnissen und Erfahrungen,
Schätze und Steine im Acker des Tages.
Ich will noch einmal zurückschauen
mit dir an meiner Seite.
Zeig mir, was ich sehen soll.
Hilf mir, tiefer zu schauen.
Lenke du meinen Blick.
Mein Gott,
was gewesen ist, halte ich dir hin:
Schätze und Steine.
Nimm du sie an am Abend dieses Tages.
Segne du die Nacht, und den kommenden Tag
und lass mich wieder alles von dir erhoffen.
Amen.

 

Vertrauen

Vertrauen bedeutet, in der Gewissheit zu leben, dass ich gehalten und getragen bin, dass ich buchstäblich Boden unter den Füßen zu habe. Wenn ich auf festem Grund stehe, kann ich Sicherheit und Standfestigkeit erfahren. Die Psalmen drücken immer wieder das Vertrauen auf Gott aus, der uns auf unseren Wegen behütet und begleitet, dessen Stock und Stab Halt und Zuversicht geben - ganz besonders in den Situationen, in wir den Boden unter den Füßen verloren haben. ln vielen Kirchenliedern bitten wir um das Vertrauen und um die Gewissheit, dass Gott uns auch in Situationen des Zweifels und der Unsicherheit wieder auf festen Grund führt. Hilfe und Stütze können dabei Menschen sein, die uns begleiten, denen wir vertrauen können. Wenn mir dieses Vertrauen geschenkt ist, kann ich mich in Bewegung setzen, einen ersten Schritt wagen, mich auf neue Wege begeben. Wenn ich mir selbst und dem Boden unter meinen Füßen traue, kann ich ein Risiko eingehen, mich auf Unbekanntes und Überraschendes einlassen.

Gebet

Psalm 121
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn.
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er lässt deinen Fuß nicht wanken;
er, der dich behütet, schläft nicht.
Nein, der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten;
er steht dir zur Seite.
Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden
noch der Mond in der Nacht.
Der Herr behüte dich vor allem Bösen,
er behüte dein Leben.
Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst
und wiederkommst,
von nun an bis in Ewigkeit.

 

Lassen

Auf der einen Seite das Tun, auf der anderen Seite das Lassen. Beides ist gut, beides ist wichtig. Vielen fällt es leichter, etwas zu tun als etwas zu lassen. Das Lassen kann eine Herausforderung sein. Wenn ich lasse, sieht es vielleicht zunächst so aus, als ob sich gar nichts tue. Was geschieht, wenn ich lasse, mache ich nicht selbst, sondern es wächst mir zu. Und höchstwahrscheinlich braucht es Zeit. Lassen ist, auch wenn es nicht augenfällig so aussieht, ein höchst aktives Tun. Ich verzichte, ich entscheide mich bewusst dafür zu lassen, ich gebe Zeit, ich gebe aus der Hand. Vielleicht spüre ich Verlust, vielleicht aber auch Erleichterung.

Gebet I

Mein Gott,
ich lege jetzt vor dir meine Hände in den Schoß.
Ich will vor dir da sein
und alles andere lassen.
Hilf mir, dass ich lassen kann,
was jetzt nicht getan werden muss.
Lass mich bei dir geborgen sein.
Amen.

Gebet II

Wenn ich mit offenen Augen betrachte,
was du, mein Gott, geschaffen hast,
besitze ich hier schon den Himmel.
Ruhig sammele ich im Schoß Rosen
und Lilien und alles Grün,
während ich deine Werke preise.
Hildegard von Bingen

 

Erwarten

Wenn wir warten, sind wir ausgerichtet auf etwas, das kommt, wir richten unseren Blick in die Zukunft. Unser Warten kann von zwei Haltungen geprägt sein: wir warten passiv, vielleicht resigniert ab, was kommt oder wir erwarten etwas oder jemand voller Hoffnung und Vorfreude. Ob sich unsere Erwartungen erfüllen, liegt nicht allein in unserer Hand, andere Menschen und Ereignisse spielen eine Rolle. Wir haben keine Gewissheit und keine Garantie, wir können nur mit Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeilen rechnen. Sind unsere Erwartungen konkret und klar definiert, können sie enttäuscht werden. Vielleicht leben wir deshalb oft ohne große Erwartungen, wir rechnen schon gar nicht mehr mit Neuern oder Unerwartetem. Wir richten uns ein in dem, was wir kennen. Irgendwann treten wir auf der Stelle, weil unser Blick nicht mehr in die Zukunft, nicht mehr nach draußen geht. Papst Johannes XXIII hat seine Kirche aufgerufen, die Fenster weit zu öffnen, den Blick nach draußen zu wagen, buchstäblich frische Luft herein zu lassen, dem Geist Gottes Raum zu geben. Erwartungsvolle Menschen, die mit Überraschungen rechnen, die Gottes Wirken einen Platz einräumen, sind ausgerichtet auf das, was kommt und sich ereignen will.

Gebet

Guter Gott,
du kommst auf mich zu.
Du willst in meinem Leben Raum haben
und durch deinen Geist in mir wirken.
Gib mir den Mut,
mein Fenster nach draußen weit
zu öffnen und deine Gegenwart
in mein Leben einzulassen.
Lass mich offen sein für
deine Überraschungen.
Amen.

 

Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten

Wie stellen wir uns Christsein und Kirche vor – heute und in Zukunft? Wie geht es weiter mit unserer Kirche und unserm Glauben? Um diese Fragen geht es in dem Projekt „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“. Alle Gemeinden und Institutionen der Diözese Rottenburg-Stuttgart nehmen an diesem Projekt teil, auch wir in unserer Seelsorgeeinheit Böfingen Jungingen, in unseren Gemeinden Zum Guten Hirten und St. Josef. Wir beginnen mit einer gemeinsamen Klausurtagung der beiden Kirchengemeinderäte am Samstag, 12. November, in Blaubeuren. In einem ersten Schritt wollen wir uns mit den geistlichen Grundlagen unserer Arbeit befassen, mit den vier Haltungen, die unser Handeln bestimmen sollen: 1. Vertrauen – den Menschen mit Zutrauen und Vertrauensvorschuss begegnen und aus der Zusage Gottes leben „Ich bin da“. 2. Lassen – loslassen, was nicht mehr möglich ist, sich einlassen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen und von daher Kirche gestalten. 3. Erwarten – Gott an uns unbekannten Orten, bei uns fremden Menschen, in wenig vertrauten Lebenssituationen erwarten und ihm dort begegnen. 4. Wertschätzen – Mitmenschen, ehrenamtlich und beruflich Mitarbeitenden, Vereinen, gesellschaftlichen Organisationen, u.a. mit Interesse, Offenheit und Wertschätzung begegnen und mit ihnen kooperieren. In einem zweiten Schritt wollen wir anschauen, wie wir derzeit als Gemeinde, als Seelsorgeeinheit, aufgestellt sind, wie wir als Christen leben und arbeiten, wie wir verbunden sind mit anderen kirchlichen und nichtkirchlichen Gruppen und Einrichtungen in unserer Umgebung. In einem dritten Schritt soll dann konkret geplant werden, wie wir in Zukunft als Kirche, als Gemeinde, als Seelsorgeeinheit leben und arbeiten wollen. Am Ende des Projekts wird uns Dekan Ulrich Kloos besuchen, mit uns zusammen sehen, wie weit wir gekommen sind und einen Gottesdienst mit uns feiern. Das Projekt „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ ist nicht nur Sache der Kirchengemeinderäte, sondern aller Christinnen und Christen in unserer Seelsorgeeinheit Böfingen Jungingen. Deshalb heißt auch unser Jahresthema 2017 „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“. Wir dürfen gespannt sein.

 

Pfarrer Dr. Bernhard Lackner

Katholische Seelsorgeeinheit Böfingen-Jungingen, Ulm © 2016