Am 08. März 2026
Ich habe Euch und Ihnen heute eine Ikone mitgebracht. Ein Druck dieser Ikone wird zu jedem Gottesdienst in der Kirche in Taizé aufgestellt. Sie trägt den Namen Freudschaftsikone. Alt ist sie. Sehr alt. Aus dem 8. Jahrhundert. Gemalt in Ägypten in einem Kloster in der Wüste. Nicht für ein Museum. Nicht für einen Rahmen. Sondern für eine Wandnische im Kloster. Für den Alltag des Glaubens. Zwei Gestalten sind darauf zu sehen: Jesus. Und der Mensch Menas. Ein Abt. Ein Vorsteher.
Einer, der Verantwortung getragen hat für seine Gemeinschaft. Kein Held, kein Märtyrer, ein Mensch im Glauben. Jesus und Menas stehen nebeneinander. Nicht frontal. Nicht hierarchisch. Sondern Schulter an Schulter. Jesus legt seinen Arm um Menas. Nicht zufällig. Nicht beiläufig. Sondern in der Antike ist das eine klare Geste, die Schutz, Zugehörigkeit und Verantwortung zum Ausdruck bringt. Ein Patron legt den Arm um den, der in seinem Namen handelt. Jesus sagt damit: Du gehörst zu mir. Du bist in meinem Auftrag unterwegs. Du gehst nicht allein. Im anderen Arm hält Jesus ein Buch. Die ganze Bibel. Die ganze Geschichte. Die ganze Verheißung. Das Ganze. Menas hält nicht die ganze Bibel. Sondern eine Schriftrolle. Kleiner. Unvollständig. Nicht alles, aber genug. Und genau das ist das Entscheidende: Diese Ikone erzählt uns nichts von Überlegenheit. Sie erzählt nichts davon, dass der Mensch alles wissen müsste. Im Gegenteil. Sie sagt: Wir haben nicht alles verstanden. Wir werden nie alles verstehen. Nicht Gott. Nicht die Bibel. Nicht die Welt. Jesus hält das Ganze. Wir nicht. Wir tragen nicht die ganze Wahrheit. Nicht den ganzen Glauben. Nicht alle Antworten. Und das ist kein Mangel. Das ist unsere Realität. Wir tragen eine Schriftrolle. Das, was wir erlebt haben. Das, was wir verstanden haben. Das, was wir leben. Das, wofür wir einstehen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und ich glaube, das ist Teil unseres Christseins: Dass wir einander nicht alles erklären können. Nicht alles weitergeben können. Nicht alles lösen können. Sondern das teilen, was wir wirklich verstanden haben. Was uns trägt. Was wir leben. Für mich sind die unterschiedlichen Schriftrolle auch ein gutes Bild für unsere Ökumene. Wenn wir gemeinsam ökumenisch begegnen beim Gottesdienst Feiern, bei den Gemeindefesten, in Gruppen und Kreisen und vielen mehr, sind das für mich Momente, in denen wir unsere Schriftrollen nebeneinandergelegen. Nicht, um festzustellen, wer recht hat. Nicht, um Unterschiede glattzubügeln. Sondern, um einander zu verstehen. Um wahrzunehmen, was den anderen trägt. Und was ihn oder sie vielleicht auch irritiert. Ökumene beginnt genau da. Nicht zuerst in Erklärungen und Vereinbarungen. Sondern im Gespräch, im gemeinsamen Feiern, im gemeinsamen Leben. Im gemeinsamen Suchen nach Orientierung. Unsere Schriftrollen sind nicht identisch. Und sie müssen es auch nicht sein. Aber sie erzählen von demselben Evangelium, von derselben Sehnsucht und Hoffnung. Von Jesus, der sich zwischen unsere Stühle setzt und bleibt. Wenn wir einander ernst nehmen, verändert das etwas. Vielleicht wird die eigene Rolle nicht kleiner, aber weiter. Vielleicht werden die Ränder durchlässiger. Vielleicht wächst Vertrauen. Ökumene heißt nicht: alles ist gleich. Ökumene heißt: Wir bleiben im Gespräch. Wir teilen Verantwortung. Und wir lassen zu, dass Gott größer ist als unsere konfessionellen Grenzen. Jesus hält das Ganze. Wir tragen unsere Schriftrollen und gehen damit unsere Wege. In Freundschaft. Amen.
Pfarrerin Miriam Bauer
Bildnachweise:
- Kirche im burgundischen Wallfahrtsort Taize - FOTO: Horst Wallentin © 2006
- Die Freundschafts-Ikone vonTaize - FOTO: Horst Wallentin © 2006

