Am 22. Februar 2026

wahl sw

Liebe Schwestern und Brüder, zu Beginn der österlichen Bußzeit grüße ich Sie alle sehr herzlich! Im Evangelium des Ersten Fastensonntags berichtet uns der Evangelist Matthäus, dass Jesus vom Geist in die Wüste geführt wurde. Nachdem er vierzig Tage gefastet hat, bekommt Jesus Hunger. Wir alle wissen: Hunger kann den Blick verengen, so dass Wir nur noch auf unsere eigenen Bedürfnisse achten. Wer Hunger hat, ist bereit, Dinge zu tun, die er sonst ablehnen würde. Aber Jesus widersteht der Versuchung. Er lässt sich nicht verführen. Er gibt den Verlockungen von Macht und Reichtum keinen Raum.

Jesus bleibt standhaft und gibt allein Gott die Ehre, denn er weiß: Nur wenn sich der Mensch ganz auf Gott ausrichtet, wird er die Fülle des Lebens erfahren, denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt". Auch der Evangelist Markus berichtet an einer anderen Stelle von Hunger - vom Hunger der Menschen, die Jesus an einen abgelegenen Ort gefolgt waren und die nun müde und erschöpft sind. Die Jünger wollen sie wegschicken. Doch Jesus erwidert: „Gebt ihr ihnen zu essen!" Die Jünger haben nur noch fünf Brote und zwei Fische. Auf das Wort Jesu hin teilen sie das, was sie haben, mit den Menschen und alle werden satt- Sie erfahren die Fülle des Lebens, die allein von Gott kommt! Wenn wir auf die gegenwärtige Situation in unserem Land und in der Welt schauen, wirken auch heute Viele Menschen müde und erschöpft. Sie hungern nach Gerechtigkeit und sehnen sich nach Ruhe und Frieden. Dieser Hunger zeigt sich Oft auch in unseren Sorgen und Fragen: Was bringt die Zukunft, wohin gehen wir als Gesellschaft, aber auch als Kirche. Ich weiß, gerade jetzt stellen sich auch in unserer Diözese Viele diese Fragen. Sie sind verunsichert, weil wir vor großen Herausforderungen und Veränderungen stehen. In dieser Situation geht es uns als Kirche heute nicht viel anders als den Jüngern damals: Auch Wir haben immer wieder den Eindruck, dass das, was Wir haben, nicht ausreicht, um den Hunger der Menschen wirklich zu stillen. Und wer könnte es ernsthaft bestreiten: Die Mittel und Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, sind in den zurückliegenden Jahren geringer geworden und werden sich in der Zukunft, die wir überblicken können, noch weiter verringern. Die Zahl der Menschen, die zur Kirche gehören, verringert sich ebenso wie die Zahl der Männer und Frauen, die künftig hauptberuflich im Dienst unserer Kirche stehen werden. Die zur Verfügung stehenden Finanzmittel werden deutlich zurückgehen und damit wird Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, so nicht mehr finanzierbar sein. Das betrifft uns alle und mir ist bewusst, wie stark diese Unsicherheiten bei vielen von uns spürbar sind: Sor- gen um die Zukunft, Ängste vor Verlusten, Fragen nach Orientierung und Heimat sind groß. Doch, liebe Schwestern und Brüder, auch in dieser schwierigen Situation haben wir allen Grund, nicht mutlos zu werden: Denn auch wenn sich vieles verändert hat und sich noch manches ändern wird, dürfen wir fest darauf vertrauen, dass Gott uns als Kirche auch in dieser Zeit des Wandels und der Veränderung einen Weg führt. Wie die Jünger damals dürfen wir auch heute gewiss sein: Jesus verlässt uns nicht, sondern geht mit uns und stärkt uns auf unserem Weg. Er lädt uns ein, unseren Blick auf die Zukunft zu richten. Es gilt, ein Gespür dafür zu entwickeln, wohin uns der Geist Gottes als Kirche führen möchte. Wie haben wir die gegenwärtige Situation im Glauben zu deuten? Welche Zeichen der Zeit können Wir wahrnehmen? Welche Entscheidungen haben wir zu treffen, damit wir nicht nur als Institution überleben, sondern unsere Berufung noch klarer und entschiedener leben können? Denn unsere Berufung ist es, Zeugnis zu geben für die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die alle Menschen erreichen möchte — auch und gerade in der Zeit, in der wir stehen! Wir haben uns als Diözese auf den Weg gemacht: Wie können wir auf die Herausforderungen antworten und dabei auch in Zukunft Kirche Jesu Christi bleiben und noch mehr dazu werden? Als Bischof ist es mir wichtig, dass Wir diesen Weg als synodale Kirche gemeinsam gehen. Deshalb haben wir im zurückliegenden Jahr intensiv über erste Orientierungspunkte unseres Zukunftsprozesses beraten: im Diözesanrat, im Priesterrat und der Dekanenkonferenzen in den einzelnen Dekanaten, mit den verschiedenen Berufsgruppen und in einem offenen Beteiligungsformat. Dabei hat sich eine von einem großen Konsens getragene Grundrichtung ergeben. Unser wichtigstes Ziel ist es, das kirchliche Leben vor Ort zu erhalten und zu unterstützen. Kirche lebt dort, wo Menschen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören und den Glauben gemeinsam zu feiern in der Feier der Eucharistie und in der Vielfalt verschiedener Gottesdienste. Kirche ist dort lebendig, wo Menschen ihr Leben und ihren Glauben miteinander teilen auf vielfache Weise. Das Wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Mir ist wichtig, dass die Kirche vor Ort nah an den Menschen bleibt. Sie lebt von jedem Getauften vom Engagement jedes Einzelnen. Viele Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche bringen sich in unserer Diözese an ganz unter- schiedlichen Orten ein. Dafür bin ich als Bischof sehr dankbar und das gibt mir große Zuversicht für die Zukunft. Als getaufte, mündige Christen sind Sie ermächtigt, vor Ort aktiv zu handeln und mitzuwirken Engagierte Christen gestalten die Kirche vor Ort das ist der Schatz unserer Gemeinschaft. Die Taufe verleiht uns die Verantwortung und die Fähigkeiten, konkret vor Ort zu wirken und mitzugestalten: im Miteinander, im Dienst am Nächsten, in der Gemeinschaft und im Gottesdienst. Deshalb ist es entscheidend, dass die Kirche vor Ort trotz Strukturveränderungen lebendig bleibt. Um dieses Netzwerk gelebten Glaubens auch in der Zukunft gut unterstützen zu können, wollen wir künftig größere Kirchengemeinden bilden, in denen die pastorale Leitung und die Verwaltung für den jeweiligen Raum wahrgenommen wird. Ich lade Sie alle sehr herzlich ein, in Ihren Gemeinden, Seelsorgeeinheiten und Dekanaten darüber zu diskutieren und zu beraten, wie Sie mit Ihren Nachbargemeinden künftig noch enger zusammenwirken können. Welche Schwerpunkte sollen und können gesetzt werden, damit unser Profil als Kirche Jesu Christi noch deutlicher erkennbar wird? wo können Wir in unserem Lebensraum mit anderen zusammenwirken, um uns gemeinsam für die Menschen einzusetzen, mit denen Wir zusammenleben? Als Martinsdiözese wollen Wir uns auch auf diesem Weg am Vorbild unseres Diözesanpatrons orientieren- Martin hat erfahren, dass Teilen nicht ärmer macht, sondern dass der, der teilt, am Ende selbst reich beschenkt wird: In dem armen Mann, mit dem Martin seinen Mantel geteilt hat, ist ihm Jesus Christus selbst begegnet. Martin hat die Erfahrung gemacht, die auch schon die Jünger bei der Brotvermehrung gemacht haben: Wenn wir das, was wir haben, im Geiste Jesu miteinander teilen, wird es für alle zum Segen. Dann wächst ein Raum der Liebe und der Solidarität, in dem Wir etwas von der Fülle des Lebens erfahren können, die uns allen verheißen ist. Als Kirche werden Wir dort Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen, wo Wir uns ganz bewusst an Jesus Christus orientieren, wo wir in unserem Handeln an ihm Maß nehmen, wo Wir mit ihm dem Vater vertrauen und geistesgegenwärtig die Zeichen der Zeit wahrnehmen. Wo wir diesen Weg konsequent gehen, werden Wir als Kirche segensreich an den verschiedenen Orten wirken, weil wir die Hoffnung leben, die uns erfüllt, und sie an andere Menschen weitergeben. Die Frohe Botschaft Jesu hat an Aktualität nichts verloren davon bin ich fest überzeugt. Sie ist uns immer ein Stück voraus und weist uns den Weg. Sie ermutigt uns, in den Herausforderungen, vor denen Wir stehen, Gottes Anruf zu entdecken und uns auf die neuen Wege einzulassen, auf die uns der Geist Gottes führen will. Wenn Wir unseren Weg mit ihm gehen, werden Wir unser Zögern und unsere Bedenken Schritt für Schritt überwinden, weil wir spüren werden, dass Zuversicht, Freude und Kraft wachsen — Schritt für Schritt! Machen wir uns also auf den Weg, machen wir uns gemeinsam auf den Weg als synodale Kirche. Und folgen Wir dem wegweisenden Wort Jesu an seine Jünger: „Gebt ihr ihnen zu essen!" Wenn wir das, was wir haben, in Jesu Namen mit anderen teilen, werden Wir spüren, dass es nicht nur ausreicht, sondern dass es uns weiterträgt, dass es uns voranbringt der Zukunft entgegen, auf die Wir uns als Pilger der Hoffnung ausrichten dürfen. Liebe Schwestern und Brüder, ich lade Sie alle sehr herzlich ein, diesen Pilgerweg der Hoffnung als Diözese gemeinsam zu gehen! Möge diese österliche Bußzeit für uns alle zu einer Zeit werden, in der Wir uns wieder neu auf Gott und seine barmherzige Liebe ausrichten, Ich wünsche Ihnen Allen gesegnete Tage der Vorbereitung auf das Osterfest! In herzlicher Verbundenheit Ihr Bischof Dr. Klaus Krämer Rottenburg am Neckar am Fest der Darstellung des Herrn, dem 2. Februar 2026

In herzlicher Verbundenheit Ihr Bischof Dr. Klaus Krämer Rottenburg am Neckar
am Fest der Darstellung des Herrn, dem 2. Februar 2026

Bildnachweise:

  • Die wunderbare Brotvermehrung - Joachim Patinir, Antwerpen um 1480 - 1524