Am 24. September 2023

leitartikel sw

EVANGELIUM: Mt 20, 1–16

Liebe Gemeinde!

In einem Radiointerview hörte ich neulich folgenden Ratschlag: „Gehen Sie doch mal in ein Café oder eine Kneipe, wo sie noch nie waren, bestellen Sie ein Getränk, das Sie sonst nicht trinken und unterhalten Sie sich mit einer Person, die Sie nicht kennen. Diese Erfahrung wird Sie bereichern.“ Am Anfang dieser Erfahrung steht das Sich-auf-den-Weg-Machen.

Raus aus der vertrauten Umgebung, der eigenen Komfortzone, aber auch raus der – wie es heute oft heißt – „bubble“, der eigenen Blase, um neue Perspektiven und Zugänge auf unsere Gesellschaft zu bekommen. Das ist besonders auch in diesen Zeiten wichtig, in denen die Bedeutung des „gesellschaftlichen Zusammenhalts“ auch angesichts der vielen parallelen Krisen wie den Auswirkungen des Ukrainekriegs, des Klimawandels und den vermehrt autoritär-nationalistischen Regierungen in Europa betont wird. Doch wie können wir über unseren Tellerrand blicken? Was können wir tun? Der Diözesancaritasverband hat anlässlich seines 100. Geburtstags vor fünf Jahren gemeinsam mit allen Regionen die Charta 28 entwickelt, die gesellschaftlich wichtige Themen benennt. Dazu gehören:

  1. Das Leben in einer Vielfaltsgesellschaft
  2. eine Gesellschaft ohne Armut
  3. Das Verhältnis von wirtschaftlichem Wachstum zu Gemeinwohl und Nachhaltigkeit (Evangeliumstext)
  4. Digitalisierung
  5. Die Struktur von Sorge und Versorgen in unserer Gesellschaft.

Aus diesen großen Themen ist ein bunter Fahrplan entstanden. Wobei „Fahrplan“ nicht ganz passt. Es wäre zu schön, wenn wir zur Bewältigung der großen Krisen unserer Zeit einfach einen bestimmten Weg nehmen müssten, der am Ende zielsicher zur Lösung führt. Ich möchte daher eher von einem „Liniennetz“ sprechen, auf dem viele Themen, hier als Zwischenstationen, miteinander verbunden sind. In der Caritas-Region Ulm-Alb-Donau sind wir auf diesen Linien in der Diskussion, aber auch ganz praktisch gemeinsam unterwegs. Dazu ein paar aktuelle Beispiele: Die Kirchengemeinden und die Caritas haben neue Angebote geschaffen, um Hilfe und Unterstützung für Menschen in Notlagen sicher zu stellen. Klimaschutz spielt dabei eine immer wichtigere Rolle und wird konkret bei uns in der Region mit dem Angebot des Energie-und Stromspar-Checks umgesetzt. In Zweier Teams besuchen geschulte Engagierte einkommensschwache Haushalte. Dort werden Messungen durchgeführt und nachhaltige Tipps zu ressourcensparendem Verhalten sowie Klimaschutz gegeben. Seit März gibt es zudem das Angebot der Energiebeihilfe. Aufgrund der gestiegenen Energiekosten können Personen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen, Zuschüsse für Energiekosten bei der Caritas Ulm-Alb-Donau beantragen. Auf diese Weise gibt die Diözese Rottenburg-Stuttgart zusätzliche Kirchensteuereinnahmen weiter, die ihr durch die gesetzliche Energiepreispauschale im Herbst 2022 zugeflossen sind. Mit dem Projekt „Wohnen für Hilfe“ wollen wir Menschen, die über mehr Wohnraum verfügen als sie benötigen und Menschen, die bereit sind anstelle von Mietzahlungen Unterstützung zu leisten, zusammenbringen. Dabei geht es nicht um pflegerische Leistungen, sondern andere Alltagshilfen wie Rasenmähen, Einkaufen oder auch mal Spaziergehen. Ein positiver Nebeneffekt: Die Einsamkeit, besonders im Alter, wird verringert. Ich selbst arbeite seit über 4 Jahren nun in einem Quartiersprojekt im Ehinger Stadtteil Wenzelstein. Dort versuchen wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort, die Lebensqualität zu verbessern: Durch Begegnungsangebote wie einen Mittagstisch und eine Spazier- und Spielegruppe für Ältere, durch Kinder- und Jugendgruppen und ein Ferienprogramm, durch Beratungsangebote wie unseren Eltern-Kind-Treff und durch ein dichtes Netz an Kooperationen für alles, was wir von der Caritas nicht leisten können. Diese Arbeit ist für mich sehr spannend und vielfältig und ich halte es mit Picasso, der auch im Begleittext zum Liniennetz zitiert wird: „Ich suche nicht – ich finde. Suchen – das ist das Ausgehen von alten Beständen. Finden – das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, es ist ein Wagnis, ein Abenteuer.“ „Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen.“ – so Picasso. Und dies hat für mich auch eine Glaubensdimension: Sich im Ungeborgenen – in unseren Ängsten, Sorgen, den Widrigkeiten unseres Alltags – trotzdem geborgen und getragen wissen, ist sehr wichtig. Nicht nur für uns, sondern auch für alle unserer Mitmenschen, für die wir als Caritas und als Christen aufgerufen sind, da zu sein, miteinander und füreinander. Die Caritas Ulm-Alb-Donau möchte durch ihre unterschiedlichen Angebote zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beitragen, indem sie offen neue Wege gehen möchte, inspiriert von den Haltestellen auf dem Liniennetz, und sich so für mehr soziale Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit einsetzen. Dies ist wie bereits beschrieben nicht immer einfach, auch für die Caritas als Institution nicht. Längst nicht alle Kosten können mit öffentlichen Mitteln gedeckt und nicht alle passgenau eingerichteten Projektstellen können über Fördermittel finanziert werden. Da ist Vieles nur über Spenden möglich. Die Spenden aus der Caritas-Herbstsammlung fließen direkt in Hilfeangebote für Menschen in Not vor Ort. Deshalb bedanken wir uns recht herzlich bei Ihnen für Ihre Unterstützung. Sollten Sie noch weitere Frage zu unseren Angeboten haben, können Sie mich gerne nach dem Gottesdienst darauf ansprechen.

Benjamin Henn, Mitarbeiter der Caritas Ulm Alb-Donau

Weitere Informationen unter: www.caritas-ulm-alb-donau.de