Am 07. Juni 2026

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Ein Konzert geht zu Ende. Das Publikum ist begeistert. Alle applaudieren. Alle stehen auf. Alle klatschen im Rhythmus. Dann rufen sie das Zauberwort. Es lautet: Zugabe. Der Künstler hat selbstverständlich eine Zugabe vorbereitet oder mehrere, und wenn er schon in der Garderobe ist, wenn er sich schon umzieht, dann kommt er noch einmal auf die Bühne, im weißen Bademantel, setzt sich an den Flügel, spielt und singt sie, die letzte Zugabe. Zugabe muss sein. Das denkt sich Matthäus, als er das Vaterunser in sein Evangelium hineinschreibt.

Das Vaterunser. Jesus hat sich dieses Gebet ausgedacht für seine Jünger. Zwei Mal steht es in der Bibel. Bei Lukas in einer kurzen Version. Die ist vermutlich die ursprüngliche. Bei Matthäus in einer längeren Fassung. Matthäus macht drei Zugaben: „Unser Vater“ statt einfach „Vater“. Dazu: „Dein Wille geschehe“ und „Erlöse uns von dem Bösen.“ Zugabe muss sein, denken sich die Christen vor 1900 Jahren. Sie beten das Vaterunser im Gottesdienst. Es endet mit der letzten Bitte: „Erlöse uns von dem Bösen.“ So kann das Gebet nicht enden, das Böse als letztes Wort, denken sich vermutlich die Christen, und machen eine Zugabe. Sie wollen Gott, den Vater, loben und preisen, und sie tun es: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Diesen Lobpreis hat sich nicht Jesus ausgedacht, nicht Lukas, nicht Matthäus. Die frühen Christen waren es. Dieser Lobpreis steht nicht in den ältesten Handschriften des Neuen Testaments. Er findet sich zum ersten Mal in einem Buch, das damals, am Ende des 1. Jahrhunderts, weit verbreitet war. Das Buch hat den Titel: Die Zwölf-Apostel-Lehre. Dieses Buch war fast 1800 Jahre verschollen. 1873 wurde es wieder entdeckt und 1883 wieder veröffentlicht, durch Bischof Philotheos Bryennios von Konstantinopel. Wer es geschrieben hat? Wir wissen es nicht. Wann und wo es geschrieben wurde? Ist nicht bekannt. In der Zwölf-Apostel-Lehre steht viel über das Leben und den Glauben der frühen Christen, wie sie Gottesdienst gefeiert haben, und eben dieser Lobpreis am Ende des Vaterunsers, als Zugabe. Zugabe muss sein, dachte sich Papst Leo I., der Große, im 5. Jahrhundert. Es waren schlimme Zeiten, Völkerwanderung. Die Vandalen wüteten in Italien. Rom wurde geplündert. Die Menschen litten unter Gewalt und Krieg. Papst Leo dachte sich: Da hilft nur noch Beten. So fügte er ein Gebet in das Vaterunser ein, ein Gebet um Rettung und Frieden. Es lautet: Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten. Dieses Gebet heißt Embolismus, zu Deutsch: Einfügung, oder frei übersetzt: Zugabe. Es steht bis heute im Messbuch. Zugabe muss sein. Das gilt auch für uns heute. Auch wir leben in unruhigen Zeiten. Viele leiden unter Gewalt und Krieg. Viele haben Angst. Wir haben den Eindruck: Die Vandalen sind zurück, in Europa, im Orient, und wenn sie nicht persönlich erscheinen, so schicken sie ihre Drohnen und Raketen. Wie kann da unsere Zugabe aussehen, damit Frieden einkehrt, damit der Friede erhalten bleibt und ein Leben in Freiheit? Politisch ist es notwendig, dass wir uns verteidigen können, mit militärischen Mitteln. Gleichzeitig muss alles getan werden, dass Konflikte friedlich gelöst werden, dass Spannungen abgebaut werden, durch Verhandlungen. Gerechtigkeit schafft Frieden. Schließlich können wir das tun, was Papst Leo vor 1500 Jahren getan hat und mit ihm die ganze Kirche: Beten. Gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen. Das ist unsere Zugabe.

 

Pfarrer Dr. Bernhard Lackner

 

Bildnachweise:

    • Christenvergfolgung im 1. Jhd - WIKIMEDIA  Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0-Lizenz
    • Vandalen erobern Rom - WIKIMEDIA  Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0-Lizenz
    • Amerikanische Soldaten im Irak - The U.S. National Archives Creative Commons