Jahresrückblick 2020 in Jungingen

Liebe Mitchristen,

erinnern Sie sich noch an das Jahresthema 2019? Es lautete: „Nehmt Neuland unter den Pflug“. In meinem Rückblick im vergangenen Jahr habe ich beschrieben, welches Neuland wir damals betreten haben. Wir wollten über den Tellerrand von St. Josef hinaus blicken auf eine Kirche, die zunehmend ein Glaubwürdigkeitsproblem hat nach den Missbrauchsskandalen, der Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mit dem folgenden Jahresthema „Lasst frischen Wind rein“ hatten wir auf diesen frischen Wind in unserer Gemeinde gehofft. Frischer Wind bedeutet Heiliger Geist. Noch in seiner Januarsitzung hat der Kirchengemeinderat beschlossen, die Initiative „Konzil von unten“ zu unterstützen und den Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz kritisch zu begleiten. Unter dem Thema „Bleiben oder Austreten“ sollte im Frühjahr eine Gemeindeversammlung stattfinden. Wir wollten mit Ihnen, liebe Gemeindemitglieder, Neuland betreten und in unserer Kirche frischen Wind reinlassen. Das scheint bei zwölf Kirchenaustritten in diesem Jahr mehr als notwendig. Doch statt frischem Wind kam ein kleines Virus und hat uns voll ausgebremst. Zur Erinnerung: Die Sternsingeraktion Anfang des Jahres war noch ein voller Erfolg - die kommende Aktion: abgesagt! Der Kinderfasching - noch ein fröhliches Ereignis, das Virus in China weit weg oder zumindest nur in Österreich. Herzlichen Dank an die vielen Helfer. Der nächste Kinderfasching: abgesagt! Gottesdienste an den Kar- und Ostertagen - Fehlanzeige. Die Kirchen waren dieses Jahr zu Ostern komplett geschlossen. Erstkommunion: abgesagt! Beim Jubiläumsgottesdienst im Mai zur 10jährigen Selbständigkeit von St. Josef hätte der neue Chor eine wunderbare Haydn-Messe gesungen: abgesagt! Fronleichnamsfest: abgesagt! Info-Veranstaltung zu „Konzil von unten“: abgesagt! Ab Mai sind dann Gottesdienste wieder möglich, aber unter welchen Bedingungen: Teilnehmerlisten - Abstand - Maske - kein Gesang. Besonders hart trafen diese Hygiene-Vorgaben die Verantwortlichen der Kinderkirche. Wie soll das alles eingehalten werden mit kleinen Kindern? Corona zwingt uns lieb Gewonnenes zu lassen und neue Wege zu beschreiten. Kreativität ist gefragt. Zum Glück gibt es diese Kreativität in unserer Gemeinde: Das Kirchenkaffee kann nicht stattfinden - dann eben ein „Coffee to go“ mit selbst gebackenen Keksen und einem Impulstext. Eine tolle Idee. Jugendgottesdienst im Freien mit Abstand und Musik. Kinderkirche mit Familien-Inseln; Erstkommunion im kleinen und feinen Rahmen - ein ganz besonderes Erlebnis für die Kommunionfamilien. Das Gedenken an den heiligen Martin als Laternenumzug, mit Geschichte und Lebkuchen. Weil die Gemeinde nicht singen darf, tut das nun jeden Sonntag eine Schola für uns. Und nun ganz aktuell das Krippenspiel als Film unter Mitwirkung von Kinderchor und sehr engagierten Jugendlichen. Frischer Wind? Vielleicht die Zukunft? Corona ist ja noch nicht vorbei. So von vielen Aktivitäten ausgebremst, haben wir uns frühzeitig dazu entschieden, das Jahresthema weiterzuführen unter dem neuen Titel „Frischer Wind 2.0“. Wir, damit meine ich den neu gewählten Kirchengemeinderat. Die Wahl am 22. März konnte trotz des ersten Lockdowns als Briefwahl noch problemlos durchgeführt werden. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Mitglieder des Wahlausschusses. Aber die konstituierende Sitzung des neuen Gremiums fand erst im Juni statt. Und das natürlich unter Corona-Bedingungen, das bedeutet: gestraffte Sitzung, kurze Tagesordnung, Lüftungspausen. Im Folgenden hatten wir noch vier weitere Sitzungen. Die letzte Sitzung sogar als eine virtuelle Sitzung. Für mich ist das eine Herausforderung, zum Glück nicht für die jüngeren Mitglieder des Kirchengemeinderats. Die vorgesehene Klausur muss jetzt zum zweiten Mal in den Herbst verschoben werden. Wenden wir unseren Blick auf Positives: Die Baumaßnahmen bezüglich des Gemeindesaals sind abgeschlossen, der barrierefreie Zugang, die neue Decke mit neuer Beleuchtung ist fertig und startklar für die Zukunft. Unsere Finanzen sind geordnet. Vergessen wir darüber jedoch nicht die Not der großen Hilfswerke, bei denen die Spenden eingebrochen sind aufgrund der ausgefallenen Gottesdienste. Deshalb möchte ich Ihnen die kommende Sternsingeraktion ans Herz legen. Sie findet statt unter dem Leitwort „Kindern Halt geben“. Die Kinder werden an die Haushaltungen Segensbriefe verteilen. Corona, das kleine Virus, macht mich manchmal wütend und traurig. Es stellte uns das zurückliegende Jahr immer wieder vor neue Herausforderungen und Fragestellungen. Und es zeigt auch schonungslos unsere Schwächen auf. Wie sind wir virtuell aufgestellt? Brauchen wir künftig das Internet im Gemeindehaus? Sollen wir Gottesdienste aufzeichnen und übers Internet streamen? Gottesdienste ohne Gesang? Geht das? War es richtig, beide Christmetten trotz der geringen Teilnehmerzahl durchzuführen? Was brauchen die Menschen in diesen Zeiten? Wieviel Präsenz ist notwendig? Geduld, nur Geduld! Unter dieser Überschrift schrieb der katholische Gefängnisseelsorger im „Knastbruder“, dem Blättle zur Unterstützung der katholischen Seelsorge in der Vollzugsanstalt Ulm, folgendes:

„Es ist Winter. Irgendwo in Schweden liegt mitten im Wald ein tiefverschneiter Hof. Es ist bitterkalt. Nachts träumen die Tiere in den Ställen vom Sommer. Die Kühe freuen sich auf ihre Weide, die Pferde träumen davon, über die Wiesen zu traben. Da schlüpft ein Wichtel zu ihnen in den Stall, Tomte Tummetot ist sein Name. Ergeht zu den Tieren und spricht zu ihnen. „Geduld, nur Geduld! Der Frühling ist nah.“ Bei uns ist es auch „Winter“, es geht uns wie den Tieren in diesem Kinderbuch von Astrid Lindgren. Ich träume von einer anderen Zeit. …. Je länger es geht, umso ungeduldiger werde ich. Ich sehne mich danach, viele alltägliche Dinge wieder unbeschwerter zu tun. Ich möchte Menschen wieder mit Nähe begegnen, ohne ständig auf Abstandsregeln und Hygienevorschriften achten zu müssen. Das ist der Frühling, auf den ich warte. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis dieser „Frühling“ kommt. Aber dass er kommt, darauf vertraue ich. Und dafür gibt es gute Gründe. In der Geschichte erinnert der Wichtel die Tiere Nacht für Nacht daran, dass der Frühling kommt. Er verspricht ihnen: das, worauf ihr wartet, wird kommen. Das soll ihnen helfen, geduldig zu sein. Auch ich brauche immer wieder die Perspektive, dass es nicht ewig so bleiben wird. Auch wenn ich nicht weiß, wann es soweit sein wird. Aber der Wichtel macht noch etwas Anderes. Er weist die Tiere darauf hin, was sie haben, obwohl ihnen die Freiheit, das Licht und die Sonne des Sommers fehlen. Er sagt ihnen: Ihr steht in einem warmen Stall und habt genug zu essen. Freut euch darüber: Er will ihnen damit nicht die Sehnsucht nach dem Frühling oder dem Sommer nehmen. Aber sie sollen auch nicht vergessen, dass es ihnen trotz allem gut geht. Ich muss mir das ab zu wieder klar machen. Auf dem Bauernhof gibt es natürlich auch Menschen. Auch sie besucht der Wichtel bei Nacht. Keiner von ihnen hat ihn je gesehen. Die Kinder wünschen es sich sehr. Aber er kommt erst, wenn sie schlafen. Wenn sie dann am Morgen aufwachen, sehen sie nur noch seine Spuren im Schnee. Das Bild gefällt mir und ganz besonders gefällt mir auch, was im Buch noch über die Menschen steht. „In dieser Zeit geben die Menschen acht, dass das Feuer im Herd nicht ausgeht.“ Im übertragenen Sinn nehme ich mir genau das zu Herzen. Ich werde achtgeben, dass die Beziehungen zu meinen Mitmenschen nicht erlöschen, auch wenn noch eine Weile Abstand geboten ist. Ich halte die Sehnsucht nach Nähe wach und sage mir immer wieder selbst: „Geduld, nur Geduld! Es kommen wieder andere Zeiten.“

Liebe Mitchristen,

Die zurückliegende Corona-Zeit mit ihren Einschränkungen hat vieles verhindert, einiges Neues hervor gebracht. Wie unter einem Brennglas ist aber auch deutlich sichtbar geworden, was vorher schon nicht rund lief. Der neu gewählte Kirchengemeinderat wird sich nun erst im Herbst in einer Präsenz-Klausur mit der wichtigen Frage beschäftigen können, wie es in unserer Gemeinde weitergeht in Anbetracht der eingangs erwähnten Anfechtungen innerhalb der Katholischen Kirche. Damit ist einerseits Geduld gefragt. Andererseits wollen wir darauf achten, dass „das Feuer im Herd nicht ausgeht“. Bitte unterstützen Sie uns mit Ihren kreativen Ideen. Wie könnte man es besser darstellen als auf unserem Adventsfenster, auf dem wir alle abgebildet sind. Wir alle die Kirche abbilden. Hoffen wir auf „Frischer Wind 2.0“ - ohne Corona!

Anita Meyer

Katholische Seelsorgeeinheit Böfingen-Jungingen, Ulm © 2016