Predigt am CARITAS-Sonntag

Am 19. September 2021

AUSSTELLUNG: FACE2FACE

predigt 19 sw

Liebe Gemeinde! Ich freue mich, dass ich auch dieses Jahr im Gottesdienst zum Caritas-Sonntag ein paar Worte zur Arbeit der Caritas in Ulm und im Alb-Donau-Kreis sagen darf. In diesem Jahr feiern wir die Gründung der Ulmer Caritas vor 75 Jahren. Wobei man diskutieren kann, ob „feiern“ der richtige Ausdruck ist. Am besten wäre es doch, dass es die Caritas als Wohlfahrtsverband gar nicht mehr bräuchte.

Dass Armut, Wohnungslosigkeit, Diskriminierung, Gewalt, persönliche Krisen und Chancenungleichheit der Vergangenheit angehören würden. Doch dem ist leider nicht so. Insofern finde ich: Gut, dass es die Caritas gibt! Im Jahr 1946, direkt nach dem II. Weltkrieg, war die Versorgung heimatlos gewordener Menschen die Hauptaufgabe. Die Caritas kümmerte sich und schaffte Hilfsstrukturen, wo bisher keine waren. Und bis heute verändern sich mit der Gesellschaft auch immer die Aufgaben der verbandlichen Caritas. Was bleibt: Die Menschen stehen im Mittelpunkt, ganz im Sinne der Nächstenliebe. Doch wo ist die Caritas heute und in Zukunft gefragt? Im Jahr 2018 schlug der diözesane Caritasverband Rottenburg-Stuttgart mit einer Charta 28 einen spannenden Weg ein. Fünf Kernthemen der Zukunft wurden ermittelt und werden seitdem in allen Caritas-Regionen, so auch bei uns in Ulm, gemeinsam mit Mitarbeitenden, Freiwilligen und Kooperationspartnern diskutiert und gestaltet. Ein Thema davon ist das „Leben in einer Vielfaltsgesellschaft“, zu welchen im Jubiläumsjahr eine Fotoausstellung entstanden ist. So können wir heute anhand der Ausstellung einen kleinen Einblick in ein Arbeitsfeld der Caritas Ulm-Alb-Donau bekommen. Etwa 700 Frauen jährlich kommen in die drei Dienste der Familienhilfe: Katholische Schwangerschaftsberatung: Sie brauchen Hilfe bei einer bevorstehenden Geburt, sie kennen sich im Dschungel von Gesetzen und Regelungen nicht aus. Vieles hat sich durch Corona verändert, Behörden und Geschäfte sind geschlossen. Wo besorge ich die Babysachen? Wie gelingt es, eine Hebamme zu finden oder Kontakt zu anderen jungen Müttern zu bekommen? Die eigene Familie ist oft weit weg, in Rumänien, im Irak oder in Norddeutschland. 540 Frauen sind es jährlich. Frauenhaus für den Alb – Donau – Kreis: Sie brauchen Schutz und Orientierung, wenn es daheim keine Zukunft mehr gibt, wenn häusliche Gewalt unerträglich wird und die Koffer schon längst gepackt sind. Ein erster Schritt ist der Anruf in der Frauenberatungsstelle der Caritas in der Olgastrasse 137: persönliche Beratungen oder online, dann die Aufnahme im Frauenhaus Alb – Donau – Kreis, wenn besonderer Schutz geboten ist. Seit Corona gibt es „Walk and talk“ – Beratungen im Freien, im Bereich St. Georgs – Kirche, dem Alten Friedhof und in einzelnen Gemeinden. 16 Frauen und 14 Kinder sind es jährlich, die im Frauenhaus Aufnahme finden. Projekte für Frauen mit Fluchterfahrung: Sie bekommen Familienbegleiterinnen an ihre Seite, gemeint sind geschulte Ehrenamtliche, die ihre Zeit gerne verschenken. Durch sie wird der neue Stadtteil langsam vertraut, der Zugang zur Alltagssprache, den Arztpraxen, Kindergärten und Spielplätze erleichtert. Auch das Fahrradfahren wird erlernt. Während Corona wurde ein Hilfetelefon in Arabisch, Englisch und Deutsch eingerichtet, gegen Vereinsamung, eine Brücke nach draußen. 50 Frauen und ihre Kinder sind es jährlich. Die offene Nähwerkstatt in der Caritas wird zum Wohnzimmer, Mundschutzmasken und Kinderkleidung werden gemeinsam genäht und sozialen Organisationen kostenlos zur Verfügung gestellt. Es wird viel gelacht! 20 Frauen und 10 Ehrenamtliche sind es jährlich. Das Motto, wie das Team aus Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen immer wieder betont: Wir alle lernen voneinander und gehen gemeinsam unseren Weg: AUF AUGENHÖHE Die Frauen sprechen anlässlich des 75 – jährigen Jubiläums der Caritas Ulm-Alb-Donau ihren Dank an die Mitarbeiterinnen der Familienhilfe aus und schenken ihnen und Ihnen in dieser Ausstellung Face2Face ihr Lächeln: offen oder anonym. Fotografiert hat die Frauen ein junger, angehender evangelischer Pfarrer, Thorben Haase, der im Rahmen seines Vikariats ein Praktikum bei der Caritas in Ulm absolvierte. Man darf also auch sagen, die Ausstellung ist ein ökumenisches Projekt. In unserer Seelsorgeeinheit ist auch in diesem Jahr die Zukunft von Kirche ein zentrales Thema: Das initiierte Forum „Konzil von unten“, beschäftigt sich mit der Frage, wie Kirche zeitgemäß erneuert kann und lädt ein zur Diskussion. Mein Gedanke, als ich die Ausstellung zum ersten Mal gesehen habe, war: Das „Leben in der Vielfaltsgesellschaft“, in dieser Ausstellung wird es wunderbar sichtbar. Vielleicht kann diese so auch als kleine Zukunftsvision von Kirche dienen – offen, verbindend und auf Augenhöhe.

Benjamin Henn, Caritas Ulm-Alb-Donau

FOTOS: Thorben Haase

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