Predigt am 27. Januar 2019

am 27. Januar 2019

Predigt am ökumenischen Sonntag
Evangelium: Joh 9,1–7

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! ( 1. Kor. 1,3) Liebe Gemeinde! Es ist Mittwoch vor Weihnachten, 9:00 Uhr morgens hier im Guten Hirten. Weihnachtsgottesdienst für die Gustav-Werner-Schule. Aufgeregt strömen Schüler und Schülerinnen mit ihren Lehrkräften und Betreuern in die Kirche. Der normale, gewohnte Tagesablauf wird unterbrochen. Das ist immer spannend. Der Gottesdienst beginnt, wir beten, singen, klatschen, erfahren die Botschaft des Evangeliums. Das ein- oder andere Kind ist kaum zu bremsen. Huhu! Frau Ginsbach!!! Winkt schon beim Einzug einer meiner Schüler und ist kaum zu bremsen. Beim Singen der bekannten Weihnachtslieder dasselbe Phänomen, voller Freude und Inbrunst wird mitgesungen, gelacht. Ein Kind hat gar keine Lust, es hockt bockig in der Ecke, bis dann endlich aus sein Lieblingslied kommt.

Mit Gebärden werden alle Lieder, Gebete und Texte begleitet, damit auch die Sprachbarriere überwunden werden kann. Nach einer halben Stunde ist der Gottesdienst vorbei, ganz still ist es beim Segen. Lachend und teilweise immer noch singend gehen die Schülerinnen und Schüler mit den Lehrkräften zurück zur Schule. Die Eltern sind noch eingeladen zum anschließenden Elterncafé. Hier drüben, an einem wunderbar gedeckten und geschmückten Tisch kommen wir miteinander ins Gespräch. Alltagssorgen und lustige Begebenheiten werden besprochen. Klappt das jetzt eigentlich besser mit dem Bus? Ist die letzte Untersuchung beim Arzt eigentlich gut verlaufen? Welche Weihnachtsgeschenke müssen noch besorgt werden? Dann gehen auch wir auseinander. Beim Hinausgehen bleibt eine Mutter noch kurz stehen. „Wissen Sie Frau Ginsbach, ich hab mein Kind von Herzen lieb. Aber manchmal frage ich mich halt schon, warum gerade ich dieses Kind haben muss. Was habe ich nur falsch gemacht?“ Was habe ich falsch gemacht. Sind Menschen, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, selber schuld? Mit dieser Frage wurde auch Jesus konfrontiert? Ich lese Ihnen aus dem Evangelium nach Johannes , Kapitel 9 die Verse 1-7. Die Heilung eines Blindgeborenen:

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

„Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde“, so fragen die Jünger Jesu ihren Herrn. Damals war ganz klar: Krankheit und Behinderung sind eindeutig Strafen von Gott. Denn beides führte dazu, dass Menschen „unrein“ wurden. Nicht mehr richtig an den Gottesdiensten teilnehmen konnten oder durften. Ausgeschlossen waren aus dem religiösen, gesellschaftlichen und sozialen Gefüge der damaligen Zeit. Schließlich waren sie ja schließlich auf die Mildtätigkeit Ihrer Mitmenschen angewiesen und konnten nun wirklich keinen sichtbaren Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit leisten. Mit denen wollte und sollte man wohl besser nichts zu tun haben. Nicht, dass man sich selbst auch noch irgendwie ansteckte am Leid des Nächsten. Jesus hingegen scheut keinen Kontakt zu denen, die am Rand der Gesellschaft ein Dasein in Einsamkeit und Bedürftigkeit führten. Im Gegenteil. Die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen brennt so stark in ihm, dass er einen besonderen Blick hat auf gerade diese Menschen. Was also hat Behinderung nun mit der allgegenwärtigen Schuldfrage zu tun? „Gar nichts.“ Sagt Jesus. Im Gegenteil, jeder behinderte Menschen, jeder kranke Mensch ist von Gott genau so gewollt und geliebt. Denn an ihm und durch ihn wird Gott unmittelbar erfahrbar. Und doch sieht Jesus am Leid dieses Blinden nicht vorbei. Sondern heilt ihn an Körper und Seele. Er lässt es hell werden in einer Welt voller Dunkelheit. Er fügt zusammen, was zerbrochen war in der Welt dieses Menschen. „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Auch heute noch gibt es diese Frage, das habe ich Ihnen gerade erzählt. Die Frage danach, ob nicht vielleicht doch irgendwie jemand Schuld ist an der Behinderung von Menschen. In freikirchlichen und evangelikalen Kreisen ist diese Frage übrigens sehr beliebt und wird auch gern mal zur Demütigung von Gemeindegliedern verwendet. Du hast ein behindertes Kind? Du bist unfruchtbar? Du hast Depressionen? Na, dann schau mal nach, ob du nicht doch eine Sünde in deinem Leben hast, vielleicht eine versteckte, dass Gott dich so straft. Um Gottes Willen- denke ich da als evangelische Pfarrerin. Was für ein Bild haben denn diese Menschen von Gott? Jesus stellt sich diesem Denken mit aller Kraft entgegen und dreht den Spieß geradezu um: Diejenigen unter euch, die Leid tragen, die eine Behinderung erleiden, die ausgestoßen und ausgeschlossen sind, sind die, die Gott am wertvollsten sind. Durch euch und an euch zeigt er seine Liebe am stärksten. Ihr seid unersetzlich wichtig und für ihn vollkommen. Und: ihr habt nichts falsch gemacht! Ihr habt nichts falsch gemacht. Ich stehe der Mutter an der Ausgangstür gegenüber. Und sage ihr genau das. „Sie haben nichts falsch gemacht. Ihr Kind ist perfekt, so wie es ist. Durch kein anderes leuchtet Gott so hindurch, wie durch ihr Kind.“ Ich sage nicht, dass das Leben mit einem behinderten Kind oder einem behinderten Erwachsenen einfach ist. Überhaupt nicht. Auch Jesus sah sehr klar, welches Leid und welch schweres Leben mit der Behinderung diese blinden Mannes verbunden war. Und auch wir sollte in Hochachtung und großer Demut denen begegnen, die als Behinderte oder deren Angehörige durch das Leben gehen. Denn auch wir sind gesellschaftlich und sozial noch lange nicht so weit, wie wir sein könnten. Behinderte Menschen gelten auch bei uns noch als irgendwie eklig. Komisch. Nicht, dass wir uns am Leid unseres Nächsten noch irgendwie anstecken, gell? Falsch machen wollen wir ja auch immer nichts, gell? Und auch im politischen Kontext wird die Frage lebenswertem Leben wieder aufs Neue brisant. So postete ein AFD-Anhänger auf Facebook neulich die These, dass doch irgendwie allen damit geholfen wäre, wenn behinderte Babys direkt abgetrieben würden oder zumindest nach er Geburt, wenn man es nicht schon vorher gewusst hätte, mit einer kleinen Spritze oder so umgebracht würden. Würde man dem Kind und seinen Eltern nicht großes Leid ersparen? Würde man nicht unendlich viel Zeit und Geld sparen, wenn man sich nicht um Behinderte kümmern müsste? Und da haben wir ihn wieder, den Grundgedanken der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Nur die harten kommen in den Garten. Alles, was schwach ist, nicht in unseren erfolgsorientierten und effizienzbestrebten Alltag passt, muss eliminiert werden. Kalt läuft es bestimmt nicht nur mir den Rücken herunter, wenn ich feststelle, dass solches Denken dem ein oder anderen als Handlungsoption erscheint. Erstaunlicherweise wurde dieser Post, nachdem er bei Facebook einen Riesenaufschrei hervorrief, umgehend gelöscht. Und in unser christliches Menschenbild darf sowas nie Einzug halten. Denn wir folgen doch Jesus nach. Einem Mann, der die Menschen in ihrer Schwachheit und Bedürftigkeit wahrgenommen und unendlich geliebt hat. Der es hat hell werden lassen, gerade da, wo er war. Nun sind wir an der Reihe. An der Reihe, es hell zu machen. Die wenigsten von uns werden die Gabe haben, Behinderung oder Krankheit zu heilen, wie Jesus es tat. Doch auch wir können es heller machen für die Menschen, die wegen ihrer Behinderung oder ihrer Krankheit am Rande unserer Gesellschaft und vielleicht auch unserer Kirche stehen. Im Grunde beginnt das mit einer inneren Haltung. Der Haltung, dass jedes Geschöpf, so wie es ist, von Gott gewollt und geliebt ist und ein Anrecht darauf hat, an der Welt teilzuhaben. Aus dieser Haltung folgt der Wille zu handeln: Barrieren abzubauen, auf unseren Straßen, in unseren Eingängen. In unseren Herzen und Köpfen. Das ist nicht so schwer, wie es klingt. Ein Lächeln bewirkt oft schon viel! Die Frage: „Kann ich Ihnen helfen?“ Manchmal sogar noch mehr. Und eine rollstuhlgerechte Rampe oder eine aufgehaltene Tür, ein Gesangbuch im Großdruck oder die Möglichkeit, sich frei bewegen zu dürfen die Teilhabe an unserer christlichen Gemeinschaft. Behinderte Menschen sind angewiesen auf uns. Auf unseren Schutz, unsere Fürsorge, unser Verständnis. Aber sie geben uns auch unglaublich viel zurück. Sie zeigen uns die Kostbarkeit des Lebens. Sie machen uns bewusst, was Leben in Würde und Geborgenheit heißt. Und oft genug tragen sie ihr Herz direkt auf der Zunge oder auf ihren Händen. Ungebremst brechen sich ihre Gefühle da Bahn, die Freude, die Wut, die Trauer, die Angst, die Liebe. Unvergessen bleibt mir zum Beispiel ein Moment im Konfirmandenunterricht an der GWS im letzten Jahr, als wir das Leiden und Sterben Jesu erarbeiteten. Entsetzt betrachtete eine Konfirmandin das Bild von Jesus am Kreuz. „Tut dem das nicht weh?“ fragte sie ganz blass. Ihre Stimme zitterte. „Doch.“ Sagte ich. „Bestimmt hat das furchtbar weh getan“. „Aber warum?“ fragte sie nur mit Tränen in den Augen. „Warum machen die das mit dem?“. Lange haben wir gesprochen. Über die Zeit, in der Jesus lebte. Über das Ziel, das er hatte. Nicht für sich, für alle Menschen. Tief bewegt hat mich dieses Gespräch. Es ist lange her, dass mir persönlich das Leiden Jesu und die Kostbarkeit dieses Geschenkes, das er uns allen am Kreuz gemacht hat, so nahe gekommen ist. Da war mein Herz mit Blindheit geschlagen. Und sie hat es sehend gemacht. Und ich dachte immer, ich sei die Lehrerin… Diese Konfirmandin hat es begriffen, worum es beim Christ sein geht! Und sie wird zur Zeugin unseres Glaubens werden mit allem, was sie ist. Ganz ehrlich: ich glaube, wir alle können da noch so viel lernen. Wenn wir Menschen mit Behinderung einladen zu uns. Ihnen die Türen und Herzen öffnen. Ihnen das Leben erleichtern und heller machen, wo immer wir sind. So wie der Mann unter dessen Namen wir uns heute hier versammeln. Es ist Donnerstagmorgen. Ich betrete schwer bepackt die Gustav-Werner Schule. „Frau Ginsbach!!!“ schallt es mir schon entgegen, als ich mit dem Fuß die Tür aufstoße, weil ich keine Hand frei habe. Stürmisch kommen meine Relikinder auf mich zugerast! „Lala?“ fragt eine Schülerin und macht die Gitarrengebärde. „Ja , gleich singen wir gemeinsam.“ Sage ich. Ein Schüler hält mir die Tür auf, die mir schon fast wieder zu fällt. Die Gitarre nimmt er mir auch aus der Hand. Es ist der Junge, dessen Mutter mir gestern gegenüberstand. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“ summt er leise vor sich hin. Das ist unser Relilied. Grinsend schaut er zu mir hoch. „Magst du heute unsere Kerze anzünden?“ frage ich ihn.

Amen.

Pfarrerin Stephanie Ginsbach, Auferstehungskirche Ulm-Böfingen