Am 12. Juli 2026
Liebe Gemeinde, was ist das Letzte, was Sie gemacht haben, bevor sie vorhin aus dem Haus gegangen sind? Vielleicht fassen Sie nochmal an die üblichen Stellen. Handy, Portemonnaie, Schlüssel – alles eingepackt? Vielleicht blicken Sie zur Kontrolle in die Handtasche. Nochmal die Frisur checken, bevor es los geht? Meistens läuft das ja sehr automatisiert ab.
Wenn ich morgens das erste Mal das Haus verlasse, dann gucke ich oft nochmal in den Spiegel. Ich gucke nochmal in meine Tasche und schaue nach dem Wichtigsten. Auch bevor ich in den Gottesdienst starte, gucke ich nochmal in den Spiegel, richte den Talar und dann geht’s los. Neulich fragte ich meine Freundin Maja, was sie macht, bevor sie das Haus verlässt. Und ich erzählte ihr, dass ich fast immer nochmal in den Spiegel schaue. Ihre Reaktion erstaunte mich etwas, als sie sagte: „Dieser morgendliche Blick in den Spiegel macht mich zur Zeit echt fertig. Ich sehe nur noch die Augenringe. Auf der Arbeit ist so unfassbar viel los und zu Hause gibt es echt auch noch viel zu tun. Ich müsste echt mal dringend wieder Fenster putzen, aber es bleibt keine Zeit. Ich habe gar keinen Bock mehr, bin so urlaubsreif…“ „Hui, da ist viel los!“ denke ich und frage, ob es nicht möglich sei, dass jemand in der Abteilung ihr hilft. Und ganz ehrlich, ob die Fenster jetzt noch drei Wochen weiter schmutzig sind, juckt am Ende doch auch keinen. Und ist denn Urlaub in Sicht? „Das geht nicht!“ poltert Maja mich an. „Was denken denn die Nachbarn? Dass ich faul bin, bestimmt. Und die Kollegen sowieso. Jetzt muss durchgezogen werden!“ „Meine Güte, bist du streng mit dir!“ sage ich. Sie schnaubt nur. Kein Wunder, dass der Blick in den Spiegel da schmerzt. Wenn Du nur auf das schauen kannst, was gerade nicht gut läuft. Schnell fällt mir ein: Ich habe gut reden, denn ich kenne diese Phasen so ähnlich auch. Sie und Ihr wisst vielleicht auch, wie sich das anfühlt. Dieser kritische Blick auf sich selbst. Wenn der Spiegel nur Dellen und Müdigkeit zeigt, Mängel. Oder wenn du das Gefühl hast, der Kopf ist viel zu voll mit Aufgaben, die in jedem Fall am besten gestern hätten fertig sein müssen. Ätzend! Diese Gedanken, dass jemand was beweisen muss, damit niemand auf die Idee kommt, ich sei unqualifiziert, faul oder dumm. Stress! Das Wissen, gerade zu streng oder zu unhöflich gewesen zu sein, weil bei mir gerade die Gefühlslage Oberkante Unterlippe ist. Da fühle ich mich dann auch noch im Stress miserabel und ungenügend. Ich denke an den Predigttext von dieser Woche. Petrus schreibt an Christinnen und Christen. Er will die Gläubigen zu einem Leben ermutigen, das von Hoffnung und Heiligkeit geprägt ist. Dabei stellt er ein Leben mit und ohne den Glauben gegenüber. Im Predigttext heißt es: „Wie Kinder, die Vater und Mutter gehorchen, sollt ihr euren Lebenswandel nicht mehr gierig an den Reizen orientieren, welche die Umwelt euch bietet. Das würde eurem früheren Leben entsprechen, als ihr Gott nicht gekannt habt 15Ihr sollt vielmehr dem Heiligen entsprechen, das euch ruft, und in eurer ganzen Lebensweise selbst Heilige werden.“ (1 Petr. 1,14-15) Petrus drückt es ziemlich kompliziert aus, ich weiß. „Du brauchst ne Pause“, sage ich zu Maja. Nun, das steht da nun ja so direkt nicht im Predigttext. – Stimmt. Petrus schreibt von einer Freiheit, die durch den Glauben an Gott kommt. Gott weiß durch Jesus, wie es ist, Mensch zu sein. Gott kennt die Zweifel, die Müdigkeit, unseren hohen eigenen Ansprüchen, die Angst zu scheitern. Gott weiß, dass Menschen den schnellen Begierden hinterherlaufen, dass sie neidisch und wettbewerbsorientiert sind. Aber der Glaube an Gott, der befreit von diesem Druck. Durch Jesus Christus haben wir Anteil an Gottes Herrlichkeit, am Glanz und an der Heiligkeit. Im Predigttext steht es so: „Jesus ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.“ (1 Petr 1,20-21) II Gott hat uns also berufen dem Heiligen zu entsprechen. Das schließt die Frage mit ein, wie wir miteinander umgehen, wenn wir in dem Wissen leben, dass wir alle Heilige sind. Dass wir alle Menschen sind, die Anteil an der Heiligkeit Gottes haben. Wie begegne ich einer Person, die heilig ist? Fokussiere ich mich bei dieser Person dann auf deren Mängel und Fehler? Wohl kaum. Petrus hält im Predigttext sprichwörtlich ein besonderes Licht über den Spiegel, in den ich als Christin blicke. Das Licht der Herrlichkeit Gottes, an der ich Anteil habe. Wenn du in den Spiegel guckst, dann siehst du eine Heilige. Einen, der von Gott geliebt ist. Eine, Die erlöst ist in Freiheit und Liebe zu handeln und damit diesen göttlichen Glanz zum Strahlen bringt. Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit uns selbst um, mit unseren Körpern, unseren Herzen? Gott nickt uns einladend zu und sagt: „Im Glauben darfst du dich für die Hingabe, für die Liebe und die Freiheit entscheiden.“ Deswegen darf Maja sich Urlaub nehmen – von der Arbeit, vom Fenster Putzen, von der Selbstkritik. Weil sie weiß, dass Gott sie anschaut und sie als eine Heilige sieht. Weil sie nichts leisten muss, um diesen Blick verdient zu haben. Ich wünsche Euch und Ihnen, dass Sie dieses besondere Licht der Herrlichkeit beim nächsten Blick in den Spiegel sehen, was auf Dich und Sie fällt. Da guckt eine Heilige, ein Heiliger zurück. Berufen dazu, in Freiheit dem Heiligenzu entsprechen in Taten und Worten für andere, aber auch sich selbst gegenüber. Nehmt Urlaub von der Arbeit, dem Fensterputzen und der Selbstkritik! Schaut euch an als die Berufenen und seht die Hoffnung, die Heiligkeit und die Hingabe, die Gott euch geschenkt hat! Wunderbar bist du gemacht. Gott sagt euch zu: „Du bist heilig. Wunderbar bist du gemacht.“ Wenn Sie möchten, können Sie während gleich Musik spielt, vor kommen und sich diese Zusage persönlich geben und sich segnen lassen. Gott sagt uns zu: „Du bist heilig. Wunderbar bist du gemacht.“ Amen.
Pfarrer Patrick Bauer von der evangelischen Auferstehungskirche in Böfingen
Bildnachweise:
- Der kritische Blick in den Spiegel - KI-generiert
- Auferstehungskirche in Böfingen - Foto: ev. Gemeinde Böfingen

