Am 09. August 2026

weiz sw

 

Waren Sie schon einmal in einem Gottesdienst, der von einer charismatischen Gruppe gestaltet wurde? Da geht, neudeutsch gesprochen, bitte entschuldigen Sie die Formulierung, die Post ab. Da wird gesungen, geklatscht, getanzt. Die Freude am Glauben ist unmittelbar zu spüren. Dem kann sich keiner entziehen und genau das ist auch die Gefahr. Das Ganze kann kippen, in die falsche Richtung laufen. Einer tritt auf. Er sagt: Ich bin euer geistlicher Führer. Ich bin ein Prophet, direkt von Gott gesandt, direkt vom Heiligen Geist geleitet. Ich sage euch, was ihr glauben sollt.

Ich sage euch, was ihr tun und lassen sollt. Ich sage euch, wohin ihr euer Geld überweisen sollt. Aus der Freude am Glauben wird eine Sekte, autoritär geführt, extremistisch, gefährlich vor allem für labile Menschen. Sie geraten in Abhängigkeit. Sie nehmen Schaden an Leib und Seele. Die Sache kippt. Aus der Freude am Glauben wird eine Sekte. So etwas passiert bei Gruppen in der evangelischen und katholischen Kirche in der Regel nicht. Warum? Weil hier jemand aufpasst. Darauf achten, dass nichts kippt. Darauf achten, dass die Freude am Glauben sich entfalten kann, in sicheren Bahnen und Räumen, das ist die Aufgabe des kirchlichen Amtes, das ist die Aufgabe des Bischofs und seiner Mitarbeiter, der Priester und der Diakone. Bischof, das Wort kommt vom griechischen Episkopos, wörtlich übersetzt: der Aufseher, einer, der den Überblick hat. Wir brauchen beides: Freude am Glauben, überschäumend, ansteckend, und verlässliche Strukturen, in denen der Glaube wachsen und gedeihen kann. Wir brauchen beides: Charisma und Amt. Charismatische Phänomene gibt es in der Kirche von Anfang an. Der Apostel Paulus erzählt davon in seinen Briefen. Er weiß auch: Manchmal besteht die Gefahr, dass die Sache kippt. Genau das passierte um das Jahr 170 in Phrygien, in der heutigen Türkei gelegen, bei den Montanisten. Die Gruppe ist benannt nach ihrem Gründer und Anführer Montanus. Er war ursprünglich ein heidnischer Priester gewesen. Er verstand sich als Prophet. Im Gottesdienst der Montanisten gab es prophetische Reden und ekstatische Phänomene, neudeutsch: Sie flippten aus. Sie waren überaus streng in ihrer Lebensführung. Wer verwitwet war, durfte nicht mehr heiraten. Eine schwere Sünde konnte nicht vergeben werden. Dies alles beunruhigte die Gläubigen und vor allem die Bischöfe. Sie sahen die kirchliche Ordnung und ihre eigene Autorität in Gefahr. Sie trafen sich zu einer Synode, um das Jahr 200, in Antiochien in Syrien. Sie entschieden: Prophetie und Propheten darf es in der Kirche geben, aber niemals dürfen sie mit dem absoluten Anspruch auftreten, dass sie direkt im Namen Gottes sprechen und sich so über die Autorität der Bischöfe stellen. Woran erkennen wir, ob ein Prophet eine echter oder ein falscher Prophet ist? Echte Propheten sagen und tun, was in der Bibel steht: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Du sollst Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht die Ehe brechen, nicht stehlen, nicht lügen. Jesus sagt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Sind die Menschen, die ihnen folgen, fröhlicher, freier, erlöster, hilfsbereiter? Die Früchte entscheiden. In unserer Kirchengemeinde Zum Guten Hirten in Böfingen gibt es die Gruppe El Shaddai. Zu ihr gehören vor allem Frauen mit philippinischen Wurzeln. Sie treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Singen, Beten, Gottesdienst feiern. Sie machen aktiv mit in unserer Kirchengemeinde, immer freundlich, immer hilfsbereit. Sie strahlen eine Freude am Glauben aus, die ansteckt. Das sind gute Früchte. Danke dafür. Der Heilige Geist weht, wo er will und wie er will. Der Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist.

 

Pfarrer Dr. Bernhard Lackner

 

Bildnachweise:

  • El Shaddai in unserer Kirche - Foto: Wolfgang Feilen © 2024