Predigt zum 1. Advent

am 01. Dezember 2019

Predigt zum 1. Advent
Evangelium: Matthäus 24, 29-44

Heute, am Ersten Advent, beginnt das neue Kirchenjahr. In diesem Jahr sind die Evangelien am Sonntag meist aus dem Matthäusevangelium entnommen. Jeder der vier Evangelisten hat seine eigene Sicht auf Jesus. Diese Sicht hängt davon ab, woher der Evangelist stammt und für wen er schreibt. Für wen schreibt Matthäus? Wer sind seine Leser, seine Hörer? Matthäus schreibt sein Evangelium für Christen, die aus dem Volk Israel stammen. Sie sind vertraut mit den Überlieferungen des Gottesvolkes Israel. Deshalb zitiert Matthäus in seinem Evangelium das Alte Testament so häufig wie kein anderer.

 Er verwendet das Schema von Verheißung und Erfüllung. Was im Alten Testament vorausgesagt ist, das geht jetzt in Erfüllung. Was die Propheten angekündigt haben, das Kommen des Messias, das tritt jetzt ein in Jesus. Er ist der Messias Israels. Vom Gottesvolk wird er voller Sehnsucht erwartet. Der Advent ist auch für uns eine Zeit der Erwartung. Was erwarten wir im Blick auf die Welt und die große Politik? Wir wünschen uns Frieden. Wir wünschen uns, dass die Not so vieler Menschen ein Ende hat. Was erwarten wir im Blick auf unsere Kirche? Auch für dieses neue Kirchenjahr geben wir uns in Böfingen und in Jungingen ein Jahresthema. Es lautet: Lasst frischen Wind rein! Dieses Wort geht auf Papst Johannes XXIII. zurück. Er hat das Zweite Vatikanische Konzil einberufen 1962. Er sagte: Öffnet die Fenster der Kirche weit, damit frischer Wind wehen kann. Frischer Wind, der wehte damals im Konzil. Die Kirche öffnete sich für die moderne Welt. Dazu einige Beispiele: Wir feiern heute den Gottesdienst in deutscher Sprache, nicht in Latein. Im Gottesdienst gibt es viele verschiedene Aufgaben. Frauen und Männer lesen die Lesung. Sie sprechen die Fürbitten. Sie teilen die Kommunion aus. Das ist für uns heute selbstverständlich. Damals, nach dem Konzil, war das neu. Das Konzil anerkennt: Jeder Mensch hat das Recht, seine Religion frei zu wählen. Auch in anderen Religionen und Konfessionen ist Gott am Werk. Frischer Wind, das ist in der Sprache des Glaubens der Heilige Geist. Er weht, wo er will und wie er will. Er überrascht uns. Heiliger Geist. Frischer Wind. Lasst frischen Wind rein! Für uns als Kirche in Deutschland beginnt heute der synodale Weg. Darüber habe ich schon im Oktober ausführlich gepredigt. In den kommenden zwei Jahren werden Gläubige und Bischöfe zusammen überlegen, wie die Kirche erneuert und gestärkt werden kann, damit die Frohe Botschaft heute die Menschen erreicht. Wie wird die Macht in der Kirche ausgeübt? Müssen Pfarrer ehelos leben? Wenn Zwei einander lieben, was sagt die Kirche dazu? Welche Stellung haben Frauen in der Kirche? Lasst frischen Wind rein! Wir wählen am 22. März einen neuen Kirchengemeinderat. Was tut der KGR? Alles, was für die Kirchengemeinde wichtig ist, muss im KGR beraten und beschlossen werden. Auch der Pfarrer hat im KGR nur eine Stimme. Das ist Demokratie in der Kirche. Die gibt es so nur in unserer Diözese Rottenburg-Stuttgart. Viele beneiden uns darum. Anderswo bestimmt der Pfarrer ganz alleine, was Sache ist. Die Pfarrgemeinderäte dürfen ihn beraten. Wirklich zu sagen haben sie nichts. Der Advent ist die Zeit der Erwartung. Was erwarten wir im neuen Kirchenjahr? Wir machen die Fenster weit auf. Wir hoffen auf den Heiligen Geist. Lasst frischen Wind rein!

Pfr. Dr. Bernhard Lackner